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GHCD 2357 – Music by Paul Burkhard and Schaeuble

Emmy Hürlimann (Harfe), Manfred Preis (Klarinette), Martin Suter (Orgel), Paul Burkhard (Leitung)

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Klassik.com – 30. März 2013

Paul Burkhards Spätwerk ‘Die sieben Stufen des Lebens’ in einer Aufnahme, die der Komponist kurz vor seinem Tod im September 1977 selbst leitete. Esoterische Weltabschiedsmusik, könnte man sagen, die eine ganz neue Seite im Oeuvre des Autors beleuchtet.
Die meisten Menschen kennen den Schweizer Komponisten Paul Burkhard (1911-1977) vermutlich ausschließlich als Schöpfer der erfolgreichsten Nachkriegsoperette: ‘Feuerwerk’ (1950) mit dem Schlager ‘O mein Papa’, der in tausenden von Versionen um die Welt ging und sich bis heute einiger Popularität erfreut. ‘Feuerwerk’ ist bis heute regelmäßig an deutschsprachigen Theatern zu sehen ist, als geniale Geschichte von Zirkusaußenseitern, die ins Sanktum der Spießigkeit eindringen, nämlich den 60. Geburtstag eines Gartenzwerg-Fabrikanten. Dort werben sie für Toleranz für Minderheiten und sprengen die Ketten einer allzu bürgerlichen Existenz, der verschiedene Familienmitglieder entfliehen wollen. Es ist eine wunderbare Parabel, die man auf alle möglichen Weisen deuten kann, inklusive als schwules Coming-out-Stück. Auch eine Filmversion von 1954 mit Lilly Palmer und der jungen Romy Schneider hält die Erinnerung an ‘Feuerwerk’ – und damit an Burkhard – wach. (Der Film ist ganz, ganz wunderbar und auf DVD erhältlich!)
Nun hat Paul Burkhard nach ‘Feuerwerk’ noch viele weitere Operetten und Musicals geschrieben, doch vor allem hat er viel fürs Schweizer Radio gearbeitet, als Dirigent sowie als Komponist in den folgenden Jahrzehnten Orchesterwerke, Ballett-, Bühnen- und Filmmusiken und Chormusik geschrieben. Besonders bekannt wurde in den 60er Jahren seine Weihnachtsmusik, komponiert für die Kinder und Jugendlichen der Stadt Zell, die ‘Zäller Wiehnacht’, durchaus vergleichbar mit Benjamin Brittens Kinderopern bzw. ‘Ceremony of Carols’, die etwa zeitgleich entstanden.
Und genauso wie Britten war Burkhard homosexuell, was zwar (wie bei Britten) kein Geheimnis war, andererseits in den spießigen 50er und 60er Jahren auch nicht an die große Glocke gehängt werden konnte. Die Folge: Burkhard schien nach außen hin ein jovialer Mann, der mit Mutter und Schwester auf einem wunderbaren Zeller-Bauernhof lebte, der aber zunehmend von Selbstmordgedanken geplagt wurde, wie man in Nebensätzen der Biografie ‚O mein Papa. Paul Burkhard. Leben und Werk‘ der Schweizer Journalisten Philipp Flury und Peter Kaufmann entnehmen kann. Die Schuldgefühle und Verzweiflung trieben Burkhard in die Arme der orthodoxen Kirche. Er besuchte in den 70er Jahren den Berg Athos in Griechenland, wollte Klosterbruder werden und sich von der Welt ganz zurückziehen. 1977 bekam er die Diagnose Leberkrebs. Er starb im September.
In dieser Situation – also in seinen beiden letzten Lebensjahren – komponierte Burkhard die Kammermusik ‘Sieben Stufen des Lebens’ (‚begleitet von einer Nachtigall, der Bringerin eines sanften Todes‘) für Klarinette, Harfe und Orgel. Es war eine Auftragskomposition von Archimandrit Irenäus Totzke, dem Leiter des Ökumenischen Instituts der Abtei Niederaltraich in Bayern, für die Burkhard bereits Anfang der 70er Jahre die ‘Fünf Gesänge für die Byzantinische Liturgie’ geschrieben hatte. Die ‘Sieben Stufen des Lebens’ sollten bei einem ökumenischen Treffen in Niederaltraich uraufgeführt werden. Nach und nach formte sich die Idee zu einem Stück, das das ganze Leben eines Menschen umfassen sollte, von der Geburt bis zum Tod, jeder Abschnitt zwischen zwei und vier Minuten lang. ‚Orgel und Harfe spielen sich gegenseitig die Grundhandlung der einzelnen Stufen zu, die Klarinette stimmt dazwischen die Gesänge der Nachtigall an, sich der jeweiligen Lebensphase anpassend‘, sagt Irenäus Totzke, der im August 1976 anlässlich der Uraufführung die Orgel spielte.
Im folgenden Jahr nahm das Schweizer Radio diese Lebensabschiedsmusik unter Burkhards Leitung auf, mit Emmy Hürlimann (Harfe), Manfred Preis (Klarinette) und Martin Suter (Orgel). Die Aufnahme landete mit dem restlichen Burkhard-Nachlass Jahre später in der Zentralbibliothek Zürich, die sich wiederum großzügig bemüht, Materialien, die ihr anvertraut wurden, zugänglich zu machen. Weswegen die vorliegende CD beim Label Guild entstand, die das Werk nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellt – zusammen mit Hans Schaeubles (1906-1988) Ballett ‘Die Rose und der Schatten’ op. 43, Fassung für zwei Klaviere, aufgenommen im Dezember 1959 mit Schaeuble selbst am Klavier, zusammen mit Nico Hoffmann.
Historische Rahmenbedingungen
Soweit die historischen Rahmenbedingungen und soweit so spannend. Zumindest fand ich als Operettenforscher, der sich mit Burkhard im Rahmen einer großen Erik-Charell-Ausstellung 2010 am Schwulen Museum Berlin beschäftigt hatte, die Idee einer tief religiösen ‘Stufen des Lebens’-Musik höchst interessant. Zur Erinnerung: Der schwule Regisseur Charell war es, der Burkhards Mundarttheaterstück ‘Der schwarze Hecht’ in den internationalen Erfolg ‘Feuerwerk’ verwandelt hatte, den ‘Feuerwerk’-Film produzierte und mit Burkhard über Jahrzehnte hinweg befreundet war und mit ihm Herrenwochenendausflüge an den Vierwaldstättersee machte. Wo die Post abging, glaubt man Nachbarn. Und wo Burkhard ein anderes Leben führte als mit Mutter und Schwester in Zell.
Wer nun die ‘Sieben Stufen des Lebens’ hört und irgendetwas in Richtung ‘Feuerwerk’ oder ‘O mein Papa’ erwartet, wird enttäuscht sein. Die sieben kurzen Stücke haben keinerlei Schlagerqualität, sie sind nicht einmal besonders eingängig im Sinn von melodisch prägnant. Man könnte die Musik fast als esoterisch bezeichnen oder als meditativ. Sie gleitet schimmernd vorbei, als wäre sie der elegische Soundtrack zu – ja, zu was? Einem Klosterbesuch? Einer Art Waldeinsamkeit, in der man einer singenden Nachtigall lauscht? Die Klangeffekte der Harfe und Orgel sind teils durchaus magisch, die sich zart erhebende Klarinette trällert warm und voll. (Burkhard hatte diese Nachtigallengesänge bei einer Wanderung im Tessin 1945 aufgezeichnet und hier verwendet.) Ein großes oder bedeutendes Stück sind die ‘Sieben Stufen’ deshalb dennoch nicht.
Für diejenigen, die sich für Burkhard und sein Werk interessieren, bleibt es natürlich trotzdem eine CD-Veröffentlichung, die wie eine kuriose Fußnote mehr Privates über den enigmatischen Komponisten verrät, als all die Schlager, Musicals und Operetten, die er sonst komponiert hat. Ob es einmal eine Gesamtausgabe seiner geistlichen Musik geben wird (also z. B. auch der ‘Fünf Gesänge für die Byzantinische Liturgie’), bleibt abzuwarten. Aktuell gibt es noch nicht einmal eine Gesamtaufnahme von ‘Feuerwerk’ auf Tonträger, was angesichts der anhaltenden Popularität des Werks geradezu unglaublich ist.
Und als 2011 der 100. Geburtstag Burkhards anstand und eine überarbeitete Version der Biografie des Komponisten erschien, wiederum von Flury und Kaufmann, wurde abermals die homosexuelle Seite im Leben Burkhards fast vollständig ignoriert. Als bewusste Entscheidung, wie Flury und Kaufmann mir gegenüber in einem Statement im Zusammenhang mit der Charell-Ausstellung erklärten. Weswegen Burkhards Hinwendung zum Glauben, seine Suizidgedanken und letztlich auch die Spätphase seines Oeuvres nicht wirklich verständlich diskutiert wird. Obwohl diese Diskussion sicher lohnend wäre bei einem Mann, der derart zerrissen war zwischen öffentlicher Persönlichkeit und Privatmensch und fast zeitgleich zu den ‘Sieben Stufen des Lebens’ ein Musical mit dem Titel ‘Regenbogen’ (!) schrieb, im November 1977 in Basel an der Komödie posthum uraufgeführt.
Falls künftige Biografen sich mit Burkhard auseinandersetzen wollen, dann ist diese CD und sind die ‘Sieben Stufen des Lebens’ ein wichtiger Baustein zum Verständnis des Ganzen. Die Zentralbibliothek Zürich stellt übrigens Material, wie intime Briefe und Tagebücher, unzensiert und bereitwillig zur Verfügung, ganz anders als die vorherigen Verwalter des Nachlasses.
Eine gute Burkhard-Biografie mit allen sieben Stufen seines bewegten Lebens bleibt ein großes Desiderat. Vielleicht hört man dann auch diese CD mit anderen Ohren. Rein klangtechnisch ist es eine hervorragende Aufnahme. Und ich muss gestehen: Bei wiederholtem Hören entwickeln die Nachtigallengesänge einen nicht unbeachtlichen Zauber, dem man sich schwer entziehen kann.
Kevin Clarke

MusicWeb International Friday September 03 2010

As for a ready market this is for the most particular of Swiss specialists – an Archive Special
Paul Burkhard was born in Zurich in 1911. His composition teacher was Volkmar Andreae but he studied widely in his capacity as a pianist, and even took up the cello. He was a noted conductor and from 1938 was active in his native city as a theatre conductor, later becoming – at Hermann Scherchen’s instigation – second conductor of the Studio Orchestra at Beromünster Radio. A composer as well as a conductor and executant, he wrote in a variety of forms. Perhaps his most celebrated work was Zäller Wiehnacht (Christmas at Zell) written in 1960. One of his last works was written in 1976, the year before his death, and was a birth-to-death reminiscence in seven acts, called Sieben Stufen des Lebens, begleitet von einer Nachtigall, der Bringerin eines sanften Todes. Its English title is ‘Seven steps of life, accompanied by a nightingale, the bringer of a gentle death’.
It’s written for harp, clarinet, and organ and directed by the composer himself in this broadcast performance made three months before Burkhard’s death in September 1977. It’s invariably a colouristic and allusive chamber piece. The harp’s dreamlike runs and the nightingale’s clarinet calls are pervasive features, introduced benignly in the birth of the Infant – each estate of man is represented by a different movement. Perkier writing announces the Boy, edging towards jaunty, the organ moving from supportively chordal to appropriately upbeat melodically. The harp’s arpeggios and the clarinet’s musing are invariably more self-contained in Adolescence. Young adulthood is represented by a pawky organ fanfare and a deal of self-confidence By now we reach Senior aetas and the music becomes more emollient, more equable, with writing that might not, at moments, be out of place in, say, Smetana. Musing soliloquies dominate Old Age before the inevitable slow winding down of all things. The music is clearly deeply personal, but offers playfulness and sympathetic vitality into the bargain in a non-denominational, post-impressionist sort of way. The recording is very good but there’s tape print through in places which causes ghostly pre-echo
Burkhard’s Swiss contemporary Hans Schaeuble studied in Leipzig with a Reger pupil. He too was a more than competent pianist. He then moved to Berlin where he lived between 1931 and 1942, though he returned to his homeland from 1939-41. Carl Schuricht conducted his Symphonic Music for Large Orchestra with the Berlin Philharmonic in March 1939, and this apparently made an impression but his German stay caused resentment back home and he had trouble getting his works performed. His ballet Die Rose und der Schatten was finished in 1958, and was his last stage work, one he revised in 1977 and again in 1979. It was recorded in 1959, the composer at the piano with Nico Kaufmann, though I’m not sure whether it was commercial or broadcast. Certainly it’s rather boxy and somewhat splintery too, and I’d guess it’s a private affair. It’s not easy to reclothe the piano reduced version we hear, but it’s clear that there are Stravinskian elements at work, as well as, perhaps, hints of Frank Martin. I hear some Spanish rhythms in the First Act Ensemble [track 14] as well as some droll dance rhythms. There’s some nice lyric material in the second of the Act II solos [track 16].
The booklet is in German and in English and sports an especially nice photograph of Burkhard, Schaeuble and Kaufmann in dinner jackets enjoying themselves. As for a ready market for the disc, this is not for the generalist, but for the most particular of Swiss specialists – it’s an Archive Special.
Jonathan Woolf