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GMCD 7339 – Music by Schumann & Filas, Aulos Quartet

PETER WATERS (piano), AULOS QUARTET: MARTIN GEBHARDT (oboe), RICO ZELA (alto oboe), MIRIAM MOSER (tenor oboe), RAPHAEL TANNER (cello)

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Aufregende Konstellationen

Die jüngste CD des früher auch als Zürcher Oboenquartett bekannten Autos-Quartetts führt den aufmerksamen Hörer vom Erstaunlichen zum Unwahrscheinlichen, woselbst sie ihn etwas ratlos zurücklässt, falls er Wert darauf legen sollte, aus einem musikalischen Europa-Park in das raue 21. Jahrhundert zurückzukehren. (Warum) darf man (nicht) komponieren wie der 1955 geborene Juraj Filas? Wo ist die Instanz, die ein Verbot aussprechen und Kompositionen verurteilen dürfte? Hat man sich erst einmal zu einer Meinung in dieser Frage durchgerungen, dass zum Beispiel Komponieren auch immer Zeugnis ablegen bedeute und also zwingend einen Bezug zur gegenwärtigen Realität beinhalte. dass die Welt jenseits der Komposition immer in der Komposition mitschwinge, dann kann man einen Schritt weitergehen und seinen eigenen Standpunkt mit dem des Komponisten Filas vergleichen. Filas ist entschieden der Meinung, dass Dvorák, Janácek, Martinu und Mahler längst nicht alles gesagt haben, was zu sagen gewesen wäre. Warum diese Lücken nicht auf unkonventionelle Art schliessen, zum Beispiel mit einem Quintett für drei Oboeninstrumente, Cello und Klavier? Gegen das Vorhaben gäbe es nichts einzuwenden, wäre nicht Verweigerung so stark aus jedem Takt herauszuhören. In Siegfried Lenz’ Heimatmuseum wird beschrieben, wie eine junge Frau im Januar 1945 auf der Flucht vor den russischen Panzern kurz vor dem rettenden Hafen umkehrt, weil ihr Kind auf dem Schlitten tödlich getroffen worden ist und die Zukunft vor ihr versinkt Hier liegt eine existenzielle Grenzsituation vor, denn zwischen nicht mehr vorstellbarer Zukunft und Vergangenheit gibt es keinen anderen Ort für einen Menschen als den Tod. So tragisch geht es in der Musik meist nicht zu. Man kann im Übrigen davon ausgehen, dass die Liebe zu ihrem Instrument die Mitglieder des Aulos-Quartetts dazu brachte, sich dieser Komposition anzunehmen, und sie tun es kompetent.
Eine ganz andere Problematik scheint bei der Adaption von Schumanns Klavierquintett op. 44 auf, hier für Oboe, Alt-Oboe, Tenor-Oboe, Cello und Klavier: Besonders den Oboisten haben es ja Schumanns Kammermusikwerke angetan, seit Heinz Holliger Klarinetten- und Waldhornstücke auf der Oboe, der Oboe d’amore und dem Englischhorn auf hinreissende Art zu spielen begann. Einzig die Drei Romanzen op. 94 sind jedoch originale Oboenstücke und es heisst, dass der Violin-Zusatz seines Verlegers Nikolaus Simrock Schumann verärgert habe. Heute erleben wir ein neues ArrangierZeitalter, in dem es nicht mehr wie früher darum geht, sich Werke zu erschliessen, die man original nicht zu hören bekommt, sondern das Repertoire einzelner Instrumente zu erweitern und vielleicht auch der Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass etwa eine Mozart-Arie auf der Oboe oder gar der Trompete doch eigentlich schöner klinge als aus dem Munde einer Sängerin. – Der Text stört ja ohnehin nur.» In diese Kategorie gehört jedoch das Experiment des Aulos-Quartetts keineswegs, denn sein Arrangement bietet eine ganze Palette von Wirkungen – von der ungünstigen Instrumentierung des In modo d’una marcia über aufregende und unbedingt authentisch wirkende Augenblicke und Konstellationen (wie etwa die Verbindung von Oboe und Cello) bis hin zu unerhörten Effekten, wenn sich die drei Oboeninstrumente einmal als Register exponieren.
Es lohnt sich, dieses Klangexperiment zu verfolgen, zu dem der mutige Peter Waters brillantes Klavierspiel beiträgt.
Michael Kühn