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GHCD 2404 – George Szell – Blacher, Mozart, Brahms, Stravinsky 1958

Robert Casadesus (piano), Cologne Radio Symphony Orchestra, George Szell (conductor)

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Klassik.com – Oktober 2013

Fern der Wahlheimat
George Széll gastierte in den Nachkriegsjahrzehnten nur selten in Deutschland. Mitschnitte von Konzerten mit dem Sinfonieorchester des WDR legt nun das Label Guild auf.
1939 traf der in Budapest geborene Dirigent George Széll in seiner zukünftigen Wahlheimat USA ein – für mehr als zwei Jahrzehnte sollte er dort als musikalischer Leiter des Cleveland Orchestra das amerikanische Musikleben entscheidend mitprägen. Nach Deutschland, wo er u. a. in Berlin gewirkt hatte (schon mit siebzehn hatte er bei den Philharmonikern debütiert), kehrte er aber nur äußerst selten zurück. Leider erfahren wir im diesmal leider nur eingeschränkt informativen CD-Booklet nichts über den hier vorliegenden raren Auftritt in Köln am 8. September 1958 (nicht einmal das exakte Datum wird im Booklet genannt – eine Kooperation mit dem WDR hätte hier helfen können); weitere Mitschnitte aus Köln sind Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 von 1960 (mit Robert Casadesus, bei Medici Arts erschienen), Dvoráks Cellokonzert mit Pierre Fournier von 1962 (ebenfalls bei Medici Arts), Debussys ‘La Mer’ von 1962 sowie Tschaikowskys Fünfte Sinfonie von 1966 (beide in der EMI-Reihe ‚Great Conductors‘). Nun haben sich mehrere Kritiker beklagt, die anderen Aufnahmen aus Köln könnten es nicht mit den Studioproduktionen aus Cleveland aufnehmen, doch ist dies naturgemäß aus dem beschränkteren Aufnahmeklang und dem Liveerlebnis selbst leicht nachvollziehbar.
Auf der vorliegenden CD haben wir immerhin zwei Aufnahmen, die bislang unveröffentlicht waren, zwei Werke, die in Szells Diskographie bislang fehlten: Boris Blachers ‘Music for Cleveland’ op. 53 von 1957, erst am 21. November 1957 in Cleveland uraufgeführt, und Igor Strawinskys ‘Feu d’artifice’ (oder ‘Fireworks’), bei dem Konzert am 8. September 1958 als Zugabe gegeben. Die ‘Music for Cleveland’ kommt mit einer ungeheuren Intensität und Unmittelbarkeit daher, die die erste Studioaufnahme von 1998 (aus Berlin) nicht aufbieten kann. Auch bei ‘Feu d’artifice’ ist die Brillanz des Kölner Orchesters unbestreitbar, gleichzeitig die Fähigkeit zu poetischen Stimmungen. Alle Orchestermitglieder sind gleichermaßen hochkarätig, und es ist höchst bedauerlich, dass der Klang (bedingt durch die Sekundärklangquelle, trotz vorbildlicher Restaurierung) etwas ‚boxig‘ klingt, nicht ganz so brillant wie es bei Heranziehung der WDR-Bänder möglich gewesen wäre.
Dies erweist sich unmittelbar bei Mozarts letztem Klavierkonzert KV 595 in B-Dur mit dem Solisten Robert Casadesus, der auch sonst häufig mit Szell zusammengearbeitet hat (es gibt allein von diesem Werk außerdem eine Studioproduktion aus Cleveland von 1962, ansonsten noch zahlreiche andere Mozart-Klavierkonzerte). Bei Medici Arts erschien 2011 dasselbe Konzert in Kooperation mit dem WDR, und die klangliche Brillanz besonders der Holzbläser ist deutlich hörbar, und auch der Gesamtklang ist in sich runder, wenn auch immer noch ein wenig ‚boxig‘.
Interessant ist, Szélls molto legato-Spiel des Kölner Orchesters im ersten Satz zu hören, mit gelegentlich leichten Portamenti in den Streichern, die hierdurch nicht ganz ins Gesamtkonzept zu passen scheinen. Insgesamt aber ist Szells und Casadesus‘ Mozart in den Außensätzen lebhaft (im Finale ausgesprochen geistreich), im ‘Larghetto’ poetisch (wunderbar die Klangmischungen in diesem Satz), insgesamt ausgesprochen präzise und bezüglich der Instrumentenproportionen ausgesprochen ausgewogen. Kaum eine der neuesten Einspielungen kann sich rühmen, interpretatorisch pointierter zu sein. Besonders ansprechend im Orchester die Holzbläser, die der Interpretation mehr als heute einen durchaus eigenen Klangcharakter hinzufügen.
Johannes Brahms‘ Zweite Sinfonie op. 73 in D-Dur hatte Szell schon 1928 mit der Staatskapelle Berlin eingespielt (bis heute scheint diese Einspielung nicht auf CD vorgelegt worden zu sein), außerdem existieren neben dem vorliegenden Mitschnitt (der auch schon auf Archipel veröffentlicht worden war) eine Live-Aufnahme aus Cleveland vom 5. Januar 1967 sowie die einen Tag später für Columbia entstandene Studioaufnahme. In diesem Fall muss leider gesagt werden, dass die Kölner Interpretation bei aller Dichte, Intensität und in sich schlüssigen Logik mittlerweile von anderen Einspielungen, nicht zuletzt Szélls eigener Einspielung, überboten worden ist. Hier können die Holzbläser auch nicht ganz so gut ihre eigenen Klangfarben zur Geltung bringen – alles ist dem Gesamtklang untergeordnet (nur die Trompeten vermitteln gelegentlich eine nicht vollständige Integration in diesen Gesamtklang). Dennoch kann man Szells Kölner Brahms anderen großen Mitschnitten der Zeit gerechtfertigt zur Seite stellen, und viele Stereo-Studioproduktionen anderer Dirigenten fallen rein interpretatorisch (nicht klanglich) Szell gegenüber teilweise extrem ab.
Insgesamt eine interpretatorisch fast durchgängig ideale CD, die mit kleinen Einschränkungen sehr zu empfehlen ist.
Jürgen Schaarwächter

Audiophile Audition – Oktober 2013

Almost equals the kind of power the Cleveland Orchestra produced at Szell’s beck and call.
Master orchestral disciplinarian George Szell (1897-1970) sojourned to Cologne, Germany for this historic 1958 broadcast, bringing with him repertory both new and familiar. Among the novelties, Szell leads Boris Blacher’s commissioned work, 1957 Music for Cleveland, Op. 53, whose world premier occurred 21 November 1957. A rather nervous twittering piece, Blacher’s piece exploits triple wind, brass, and four trumpets in often angular, dissonant patterns, edgy and a mite neurotic. As a virtuoso etude for the Cleveland Orchestra, it testifies to a canny discipline while providing a jagged foil to the Mozart that follows. Framing the established repertory on the closing side, Szell proffers a rare look into early Stravinsky, his 1908 Fireworks, likely influenced by the Debussy piano piece, but owing its scintillating color to Stravinsky’s teacher, Rimsky-Korsakov.
French keyboard great Robert Casadesus (1899-1972) made numerous appearances with George Szell, recording twelve of the Mozart concertos. Their mutual finesse in the last of the set, the B-flat Major, K. 595 exudes only exultation and refinement. When Casadesus begins his upward scales and rockets to the blending of the orchestra in the Allegro’s development section, we can feel that even the acerbic Herr Szell ached for transcendence. Perhaps of all three movements the E-flat Major Larghetto projects the most serenity of spirit, with Casadesus’ gentle figures set in classical relief against the occasional minor-key passions in the orchestra.
The essentially bucolic 1877 D Major Symphony of Brahms under Szell combines a linear flow and direction with an exalted bloom within the winds and strings, especially the Cologne cellos. Szell gives the three trombones in the first movement development their full scope, enough to suggest a dark cloud – along with the rolling tympani – amidst the sunny skies. While the two interior movements permit Szell excursions into nostalgia and thoughts of outdoor serenades, respectively, the last movement caters to Szell’s sense of the flamboyantly urgent in music. The burst of power that adds the con spirito to the mix – including the wailing of the Cologne clarinet that rises to refined ecstasies – gains a potent momentum that barely relaxes until just before the final bars in which the Cologne afterburners now resemble the kind of power the Cleveland Orchestra produced at Szell’s beck and call.
Gary Lemco