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GMCD 7292 – 1870-1930 Piano Music from Zurich

Andrew Zolinsky – Piano

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Klassik.com December 2007

Unbekanntes aus Zürich
Klaviermusik aus Zürich – insgesamt eher mäßige, wenn auch sehr gut gespielte Kompositionen von den unbekannten Züricher Komponisten Frey, Schulthess und Freund. Die Namen der drei hier vorgestellten Züricher Komponisten nicht zu kennen, dürfte wohl kein Verbrechen sein. Walter Schulthess (1894-1971), Emil Frey (1889-1946) und Robert Freund (1852-1936) lebten und wirkten alle zeitgleich in Zürich, und so scheint es eine interessante Idee zu sein, eine Aufnahme von Kompositionen der drei unter dem einenden Band ihrer Heimatstadt zu veröffentlichen – etwa als ‚Klaviermusik aus Zürich’. Der Pianist Andrew Zolinsky hat insgesamt vier Stücke eingespielt; erschienen ist die Zusammenstellung unter dem genannten Titel mit der zeitlichen Eingrenzung ‚1870-1930’ im Rahmen der Reihe ‚Music from the Zentralbibliothek Zürich’ beim Schweizer Label Guild.
Nicht alles gleichermaßen entdeckenswert
Robert Freund ist nicht nur der älteste der drei Komponisten, er gilt auch als der bedeutendste. Das scheint die Aufnahme zu bestätigen, obgleich von Freund nur das etwa siebenminütige ‚Notturno’ op. 2 zu finden ist, ein Stück aber, das sich trotz der geringen Opuszahl bereits formvollendet und klangschön präsentiert. Das lässt sich von den kantigen ‚Variationen über ein eigenes Thema’ op. 1 von Walter Schulthess nicht unbedingt behaupten; hier wirkt es doch recht unbeholfen, wenn unvermittelt gegenüber stehende, blockartige Gruppen von Variationen gebildet werden. Dazu bieten die Variationen nicht gerade viel, das knapp eine Viertelstunde währende Werk ist doch etwas langatmig. Emil Frey nimmt mit seiner ‚Zweiten Sonata’ op. 36 und der ‚Vierten Suite’ op. 58 mit fast 50 Minuten Spieldauer schließlich den mit Abstand größten Raum auf der CD ein. Beide Werke scheinen Einflüsse von Skrjabin zu verarbeiten; es sind durchaus interessante Kompositionen, wenn auch sicher nicht die Werke, auf die man jetzt gerade gewartet hat.
Funkelnder Sternenhimmel
Andrew Zolinsky beherrscht sein Instrument in höchstem Maße; sein Klavierspiel ist ebenmäßig und kultiviert im Anschlag, das Spektrum reicht von größter Zartheit bis hin zu wuchtig-explosiven Ausbrüchen. Das Notturno gestaltet Zolinsky sehr einfühlsam und filigran, den steten Fluss der Musik wahrend; fast kann man den funkelnden Sternenhimmel hören. In Schulthess’ Variationsfolge hat Zolinsky den Mut, die brüchige Gestaltung ungeschminkt an den Hörer weiter zu geben; hier wird nichts vermittelt oder geglättet, die Blöcke stoßen so aufeinander, wie sie komponiert sind. Auch der facettenreiche Stil in Freys Stücken, der von kargen langlandschaften bis zu expressiv aufgeladener Emotionalität reicht, wird stets sehr überzeugend und treffend in Klang gesetzt. Das Klangbild der Aufnahme ist ausgewogen und natürlich, Störgeräusche sind nicht vorhanden. Das zweisprachige Booklet führt recht prägnant in die Werke und ihre Schöpfer ein; einige Fotos von Züricher Baudenkmälern bekräftigen den Titel der CD, ohne natürlich Substanzielles beizutragen. Auf Grund der nicht überwältigenden Qualität der Kompositionen ist die Produktion in erster Linie sinnvoll, wenn der Züricher Aspekt ausgenutzt wird – etwa als Geschenk von oder für Züricher oder als ‘klingende Ansichtskarte’.
Christian Vitalis

American Record Guide September October

The three Swiss composers represented here were contemporaries who had diverse, highly communicative styles. Waiter Schuthless’s Variations on a Characteristic Theme is melod­ic and highly dramatic. Emil Frey’s Sonata 2 and Suite 4 show the influence of Scriabin and Hindemith but have their own voice. Each begins with an Andante that is a tapestry of striving melodic lines.

The most fascinating composer here is Robert Freund, who in his long life was a close associate of Liszt and Brahms (despite their bitter feud) and later became a mentor of the young Bartok. His Nottumo from the 1870s is a passionate effusion of 19th Century lyricism.

Andrew Zolinsky, who specializes in con­temporary music, adroitly handles the wide range of styles and sensibilities. Freund’s Not­torno really sings, and the finale of Frey’s sonata flies by with virtuosic panache. The recording has strong presence and realism.
SULLNAN


Mittland Zeitung, Baden Freitag 29 Dezember 2006

Ein grosser Hofpianist wird wieder entdeckt

Der Schweizer Pianist Emil Frey eroberte von Baden aus die Welt. Nach seinem Tod wurde er vergessen. Jetzt liegt sein Werk erstmals auf CD vor. Ein Lebenswerk von erstaunlicher Vielfalt.

Gäbe es das Medium CD nicht, so würde heute nichts mehr an ihn erinnern: Emil Frey eroberte als Konzertpianist die Welt. Er brachte es in Rumänien und Russland zu hohem Ansehen und schuf über hundert Kompositionen in diversen Besetzungen Sechs Jahrzehnte nach seinem Tod gilt er als vergessen.

ERSTMALS LIEGEN umfangreiche pianistische Werke des 1889 in Baden geborenen Musikers Emil Frey auf einer CD vor. Sie zeugen von der Weltoffenheit eines Künstlers, der lange zu den erfolgreichsten Schweizer Pianisten zählte. Als er 1946 in Zürich starb, hinterliess er ein schöpferisches Lebenswerk von erstaunlicher Vielfalt. Den mit viereinhalb Jahren in Basel begonnenen Klavierunterricht setzte Emil Frey am Genfer Konservatorium fort. Als Siebzehnjähriger erhielt er den «Premier prix de piano» des Konservatoriums von Paris, wo er sich bei Diemer, Faure und Widor auf die Virtuosenlaufbahn vorbereitet hatte.

Während seiner Berliner Jahre (1907-1912) weilte er als Gast der Königin Carmen Silva in Bukarest. König Carl von Rumänien ernannte ihn dort zum Hofpianisten. Nachdem er 1910 in St. Petersburg für sein Klavierspiel ein Ehrendiplom des Rubinstein-Wettbewerbes und den grossen Kompositionspreis entgegennehmen konnte, wurde Frey zwei Jahre später zum Klavierprofessor am Kaiserlich-Russischen Konservatorium in Moskau ernannt. Die Oktoberrevolution zwang ihn 1917, Russland zu verlassen. Emil Frey kehrte nach Baden zurück, leitete von 1922 bis zu seinem Tode eine Konzertausbildungsklasse am Zürcher Konservatorium und dehnte seine Reisen als Konzertpianist durch ganz Europa und bis nach Südamerika und Ägypten aus. Seine pädagogischen Erfahrungen legte er dem Lehrbuch «Bewusst gewordenes Klavierspiel» zugrunde. George Enescu widmete dem gefeierten Pianisten seine Sonate fis-moll op. 24 Nr. 1(1924), ein Hauptwerk der rumänischen Klaviermusik.

UNTER DEM MOTTO «Piano Music from Zurich 1870-1930» erschien in der CD-Reihe mit Musik aus der Zentralbibliothek Zürich eine beeindruckende Ersteinspielurig der 2. Sonate As-Dur op. 36 und der 4. Suite op. 58 von Emil Frey. Beide Werke interpretiert der Engländer Andres Zolinsky, der auch die übrigen Kompositionen dieser spannenden Repertoireneuheit präsentiert, mit ebenso viel Energie wie Nuanciertheit. Von Freys Zeitgenossen erklingen die etwas verkrampften Variationen über ein eigenes Thema op: 1 von Walter Schulthess und von Robert Freund das zart verträumte Notturno op. 2.

DER VON MOSCHELES, Tausig und Liszt ausgebildete Virtuose aus Budapest lebte zeitweise in Zürich und in Laufenburg. In der seinem Bruder Walter Frey gewidmeten 2. Sonate (1917) fallen Einflüsse von Skrjabin und Nikolai Medtner auf, mit denen der Badener Musiker während seines Moskau-Aufenthaltes in persönlichem Kontakt stand. Versponnene Skrjabin-Nachklänge und temperamentvolle Ausbrüche wechseln in der klanglich leider ebenfalls überladenen 4. Suite einander ab.
WALTER LABHART