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GHCD 2229 – Arturo Toscanini – Respighi, The Roman Trilogy 1949-1953

NBC Symphony Orchestra, Arturo Toscanini (conductor)

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Klassik.com August 2016

Toscanini ist ein fulminanter Interpret der Römischen Trilogie von Ottorino Respighi. Er verleiht der Musik dramatische Intensität, legt sinfonische Qualitäten frei und spürt den feinen Farben nach. Diese Aufnahmen sind zeitlos.

Ottorino Respighis ‘Römische Trilogie’ ist die wohl bekannteste italienische Orchestermusik überhaupt, obwohl sie in den vergangenen Jahren stark an Popularität verloren hat (sowohl bei den Plattenstudios als auch im Konzertsaal). Pinien, Brunnen, Feste – für den Touristen, der sich in eine italienische Stimmung versetzen möchte, sind die teilweise spektakulären Tondichtungen eine perfekte Folie für die eigene Imagination. Dass die Kompositionen weder den typischsten Respighi zeigen noch repräsentativ sind für die italienische Orchestermusik an sich, ist für den Eingeweihten ebenso eine Binsenweisheit, wie dies für Gustav Holsts ‘The Planets’ gilt.

Trotz einer großen Zahl an Einspielungen in spektakulärem Sound, ob Surround oder Breitwand oder wie auch immer, sind die musikalisch dichtesten Einspielungen zumeist eher in der älteren Vergangenheit zu suchen – bei Guido Cantelli, Alceo Galliera, Fritz Reiner, Eugene Goossens oder Malcolm Sargent. Geradezu legendär sind die Lesarten Arturo Toscaninis, von dem jeweils mindestens drei Aufnahmen überliefert sind. Die vorliegende Veröffentlichung, die an die Stelle diverser lange vergriffener RCA- bzw. JVC-CDs tritt, umfasst die jeweils berühmtesten Einspielungen, die in den Jahren 1949–1953 entstanden. Guild Historical haben sich bemüht, aus der Sammlung Edward Johnsons neue ‚superfine‘ Transfers vorzulegen, die von der klanglichen Brillanz in der Tat beachtlich sind. Natürlich sind die Mono-Aufnahmen rein klanglich nicht den modernen Produkten vergleichbar – aber was für eine Interpretationskunst, was für eine Durchdringung, für ein Verständnis der Musik!

Toscanini überrumpelt den Hörer mit musikalischen Sensationen, die er aber sorgfältig bis ins Innerste ausleuchtet und ihnen so den äußerlichen Effekt nimmt, der bei minderwertiger Interpretation Respighis Kompositionen ihren Reiz nimmt und wohl nicht zuletzt auch deshalb sie vom Konzertrepertoire hat verschwinden lassen. Besonders liegen Toscanini die ‘Pini di Roma’ (1924), von denen jede Interpretation unnachahmlich beeindruckend ist (die hier vorliegende stammt vom 17. März 1953). Der sprudelnde Überschwang des Kopfsatzes, das Brüten des zweiten, die evokative Luftigkeit des dritten und die insistierende Penetranz des letzten ergeben zusammen eine unwiderstehliche Gesamtlesart. Die Untiefen der ‘Fontane di Roma’ (1916) kann auch Toscanini in seiner Einspielung vom 17. Dezember 1951 nicht ganz vergessen lassen – doch was für eine Wärme, was für ein Feingefühl für die Querverbindungen zu anderen Komponisten (Strauss, Debussy, Mahler, Loeffler, Szymanowski).

Respighis innovatives Potenzial wird offenkundig in ‘Feste romane’ (1928), die in New York durch Toscanini uraufgeführt wurden und sich von den ersten Takten an als Wegbereiter der Filmmusik à la Miklós Rózsa erweist; selbst Waltons und Schostakowitschs Filmmusik ist gelegentlich Respighi verpflichtet. Toscanini kennt diese Musik offenbar aus dem Effeff, er erhebt sie auf ein dramatisches, fast symphonisches Niveau, betont immer den dramatischen Puls, unterschlägt aber auch die spirituelle Komponente nicht. ‘L’Ottobrata’ war eindeutig ein wichtiger Einfluss auf die US-amerikanische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – auch dies eine interessante Erkenntnis des Wiederhörens dieser beeindruckenden Interpretationen.

Es erübrigt sich fast, die interpretatorischen Qualitäten des NBC Symphony Orchestra besonders herauszuheben – wir haben hier ein sorgfältig von Toscanini trainiertes, sich seiner Aufgabe bis ins kleinste Detail bewusstes Ensemble, das für die damaligen Verhältnisse (die Aufnahme entstand am 12. Dezember 1949) wohl als optimal nicht nur disponiert, sondern auch auf Tonträger festgehalten bezeichnet werden kann. Der Klang ist soweit möglich gut gestaffelt, alle Instrumente kommen ausgezeichnet zur Geltung (und es sind viele Details, auf die die Tontechniker achten mussten).

Als Bonus-Material bietet die randvoll gepackte CD Orchesterstücke aus den Opern ‘La Wally’ und ‘Loreley’ von Alfredo Catalani sowie die Ouvertüre aus Giuseppe Verdis ‘La forza del destino’, allesamt 1952 eingespielt und lange auf RCA lieferbar. Die Wiedergabe des Vorspiels zum vierten Akt von ‘La Wally’ leidet etwas unter etwas zu scharf in das Klangbild integrierten Blechbläsern sowie einer nicht ganz gelungenen Aufnahmetechnik – dennoch bleiben die Poesie und Tiefe des Musikstückes unüberhörbar. Der Tanz der Wassernymphen aus ‘Loreley’ hat den Toscanini-üblichen prägnanten Biss und charmante Präzision; hier ist das Klangbild ausgeglichener, die Streicher leuchten, der Mischklang ist sorgsam abgewogen. Die Ouvertüre zu ‘La forza del destino’, die Toscanini erstmals 1888 dirigiert hatte, also 64 Jahre vor der vorliegenden Einspielung, hat nicht ganz die Präzision anderer Einspielungen, ist auch entspannter, weniger intensiv als manch andere Einspielung; dies überrascht ein wenig bei Toscanini und lässt am Ende der Produktion auch einen etwas zwiespältigen Eindruck zurück. Zwar weiß er die Musik dramatisch zu steigern, doch bleiben die ruhigeren Passagen etwas zu spannungslos, zu ‚schönklingend‘.

Im insgesamt kompetenten Booklettext fehlt dem interessierten Leser ein wenig mehr Einordnung der vorliegenden Aufnahmen in Toscaninis Diskografie, die der Autor sonst häufig durchaus bietet. Insgesamt aber eine wichtige, musikalisch spannende, auch klanglich überzeugende Wiederveröffentlichung, der viele Hörer zu wünschen sind.

Dr. Jürgen Schaarwächter